Picassos Erben
Für eine Ausstellung wäre es fast zu wuselig, aber manche Vernissage würde sich so viel Lebendigkeit und vor allem Interesse wünschen: Die Martin-von-Tours-Grundschule ist picke-packe voll mit Kindern und Eltern – und mit Kunst.
Die kommt von den Schülern: Für eine Woche wurden die gewohnten Klassen aufgelöst. Statt Mathe paukten 260 Kinder Picasso, statt Deutsch zu lernen, zeichneten sie lieber wie Dürer oder gestalteten wie Rasche oder Pankok. Vier Stunden am Tag setzten sie sich mit 14 Künstlern auseinander. Die älteren halfen dabei den jüngeren Schülern.
Niki de Saint Phalle kam bei den jungen Menschen natürlich gut an, weil sie so bunt ist. So brachten einige von ihnen die berühmten Nana-Figuren zu Papier. Andere bastelten Schlangen aus Kaninchendraht und Pappmaché, „und bemalten sie mit kräftigen Farben – typisch für Niki“, erzählt Lehrerin Esther Adamczak. Denn lernen mussten die Kinder natürlich auch, wie ihr künstlerisches Vorbild arbeitet. Das Leben und die Techniken ihrer Lieblingsartisten hielten sie ebenfalls auf Stellwänden fest. Daneben erstellten die Schüler ihre eigenen Tagebucheinträge. Frederic – der an einem Kurs über den dänischen Künstler Peter Brandes teilnahm – schreibt am Montag begeistert: „Wir experimentieren mit Wasserfarben und Jaxonkreide.“ Und Lea will am Dienstag unbedingt an ihrem Werk weiterarbeiten.
Doch wird nicht nur gemalt, sondern auch gebastelt: Claude Monets Seerosenteich gibt es als plastische, aus Papier und anderen Materialien entworfene (malerische) Landschaft. Anderswo gestaltet der Nachwuchs Figuren nach dem Vorbild des Mülheimer Bildhauers Ernst Rasche. Ihn wählten die Lehrer bewusst aus, „auch weil die Kinder seine Kunst in der Stadt wiederfinden“, so Schulleiterin Ulrike Kordel. An der Schule steht eine Marienstatue von ihm. Kreativ hat sich der Kurs von Martina D’heur mit Kandinskys „Himmelblau“ auseinandergesetzt. Die mysteriösen, faszinierenden Figuren des Gemäldes, die aussehen, als wären sie auf Stäbe gesteckt, bastelten sie nach und erfanden zu ihnen kleine Geschichten. Die Episoden, etwa die überraschende Begegnung mit einem Hai, spielen sie dem Publikum vor. Zum Glück war der Hai aus Papier.
„Es war eine stressfreie Projektwoche“, sagt Leiterin Kordel, auch für Kinder, die manchmal aufgekratzt sind. Gerade sie hätten bei ihrer künstlerischen Arbeit die innere Ruhe gefunden. Fortsetzung folgt? „Wir machen ähnliche Projekte jedes Jahr. Denn unsere Schule hat einen klaren Schwerpunkt im musisch-künstlerischen Bereich“, versichert Kordel, „und das bleibt auch so.“
(WAZ vom 12.03.2010)

